Hängen und Fleddern

Der Bohlsbacher Brauch, einen Prominenten am sog. „Schindbock“ zu „Hängen und zu Fleddern“, lockt jedes Jahr von neuem große Scharen Fasnachtsnarren zu diesem Spektakel. Man darf getrost sagen, dass sich das beliebte Schauspiel zu einer ganz besonderen Tradition des Offenburger Narrentags entwickelt hat. Bereits beim Aufbau des Schindbocks sammeln sich die Zuschauer, um dem närrischen  Treiben der Gesellen zuschauen zu können, auch wenn dieses mitunter durch eine zünftige Vesperpause unterbrochen wird. Hier steigt die Spannung, denn alle fragen sich, wer wird in diesem Jahr das prominente Opfer sein? Spekulationen machen die Runde, wer in welches Fettnäpfchen getreten ist oder wer sich in seinem neuen Amt zukünftig bewähren soll, vielleicht auch , wer in besonderem Maße im Offenburger- oder gar Medienrampenlicht gestanden hat. Wenn dann unter den Klängen der Galgenvögel der „ Arme Sünder“ auf einer Leiter durch die Menge getragen wird, ist das Geheimnis endlich gelüftet. Flugs wird der „Delinquent“ zum Schindbock begleitet, in den Sack gesteckt und alsbald hinauf gezogen. Unter den begeisterten Rufen der Fasentnarren lässt ihn der Seiler kräftig schaukeln und baumeln, bis er dann zu seinem Leimpinsel greift und ihn von oben bis unten mit klebrigem Leim bestreicht. Wehrt sich der Delinquent allzu heftig, so klatscht der Pinsel mitunter auch über Gesicht und Kopf, denn es gilt nicht zuletzt, die bisherige prominente Respektsperson mit einer quasi neuen Hülle zu überziehen. Leim und Federn sowie das „Zurschaustellen“ vor dem Volk, lassen ihn zu einem der ihren werden. Hier wird das Sprichwort wahr: „Wahrlich keiner ist weise, der nicht mitunter ein Narr sein kann!“  Fraglos lassen die wirbelnden Federn eben auch an Frau Holle denken, hier ist die vielfach anzutreffende Symbiose von Narrenbrauch, Fasnachtsriten und Winteraustreiben einmal mehr zu erkennen. Angefeuert vom Fasentruf der Krabbenaze, dem „Rumple bumple Holderstock, krummi Hörner hät de Bock un e schiefe Fratze hät de Krabbenaze“, schmiedet der Bock einen Gewaltigen eisernen Orden, den bekannten Doppelpfünder. Unter dem wimmernden Gebimmel der Armesünderglocke darf der Gefledderte nun einen Schluck aus dem Bocksfuß nehmen, zur Kräftigung und um seinen Narrenmut zu stärken. Denn noch einmal, nun mit dem Doppelpfünder um den Hals, wird er hinauf gezogen, gewirbelt, geschaukelt und gerüttelt. Alsbald, in einen echten Narr verwandelt, lässt ihn der Seiler vom Schindbock herab, denn noch wartet eine von den Narren sehnsüchtig herbei gesehnte Aufgabe auf ihn. Mit vollen Händen wirft er die Fleddersäckchen unters Narrenvolk, gibt sozusagen Fersengeld. Wie schnappen da die jungen und die alten Narren nach den begehrten kleinen Säckchen mit der wunderlichen Überraschung. Ist diese Narrenpflicht getan, muss er vor allem Volk geloben, die Zunft der Krabbenaze mit Speis und Trank wohlfällig zu versorgen, d.h. die Krabben fasnächtlich zu atzen. Dies tut er gern und unterm Schall von Pauken und Trompeten, geleitet ihn die Zunft durch „Narrenvolkesmenge“  Er aber darf sich sicher sein, er war in diesem Jahr ein Narrenkönig  und darf nach harter Plag in Alltagsamt und Alltagswürden, die Fasnacht feiern als ein Narr, dem just sein Narrenvolk gehuldigt hat.